ONE TO

ONE TO COLUMN . H 600 cm Steel . 2008 MMMuseum Kartause Aggsbach.

 ONE TO . 2005 Atelierhaus der Akademie der Bildenden Künste Wien.

ONE TO . 2007 Rauminstallation MMMuseum kartause Aggsbach.

ONE TO . 2006 Raum-Installation . kunsthaus muerz, Mürzzuschlag

ONE TO . B 40 cm L 400 cm 2005 . Brush- on Digital-Drawing . Aluminium . Private Collection

ONE TO . 2006 Graffiti Performance . kunsthaus muerz, Mürzzuschlag

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GEGENWART DER SKULPTUR / SKULPTURALE  GEGENWART
der Künstlerin MarianneMaderna
Semperdepot / Akademie der Bildenden Künste .Wien / Katalog.

In seiner kritischen Abhandlung „Information und Apokalypse” mit dem Untertitel „Die Strategien der Täuschung”, die nach dem Kosovo-Krieg verfasst wurde, setzt sich Paul Virilio, der Kulturphilosoph und Erfinder der Ästhetik des Verschwindens, mit verhängnisvollen Möglichkeiten der Informationstechnologien in der Ära der Globalisierung und des Warentauschs auseinander, in der sich die Wirklichkeit in vernetzten Rechnern verflüchtigt und „politische Macht jenen zufällt, die über diese Netze herrschen”. Die von Virilio festgestellten Folgen dieser Entwicklung sind beispielsweise die Militarisierung der Wissenschaften, denen ihre eigentlichen philosophischen Grundlagen wie diejenigen der „Wahrheit” abhanden gekommen sind. Zum Verhältnis von Digitalisierung, Macht und Medien bemerkt er, dass „nach der Masse und der Energie die Dimension der Information die Bühne der Realität betritt, so dass sich mittels der Fernüberwachung sowie der Umweltkontrolle die reale Gegenwart der Dinge und Orte verdoppelt“. 1

Das Informationszeitalter wurde damit zum Ausdruck des Endes der Geopolitik und nicht der Geschichte. Als Medium der Virtualisierung des Realen tritt daher eine große transhorizontale kybernetische Optik auf, die die Zahl der Blickwinkel endlos vermehrt und anhand dieser Fernhandlung ebenfalls zur Virtualisierung und Komprimierung jenes (zwischenmenschlichen) Handelns beiträgt.

Bei der mehrschichtigen perspektivischen Ausrichtung ihrer Installation ONE TO erweitert die Künstlerin Marianne Maderna ihr Projekt mithilfe einer Performance. Damit werden mehrere Fenster der Wahrnehmung am Exhibitionsort zusammengefügt und eine „Tiefenschärfe” bzw. eine „Stereo-Realität” (P. Virilio) einer kunstvollen Welt ohne sichtbaren Horizont erzeugt, bei der das Wirkliche und das Virtuelle zusammen eine Art vernetztes Relief bilden….

….Madernas neueste Skulpturen sind aus mit Autolack bemalten handgebogenen Stahlrohren geformt. Ihre rasche Zuwendung zu einem neuen Material, dem Leuchtpigment, markiert die nächste Zeitwende im postindustriellen Universum, beziehungsweise die durch den Fortschritt angerichteten Schäden. Beton, Eisen, Glas und Schwarzlicht sind die durch die Moderne in das künstlerische Feld eingeführten Materialien die als unversehrte Träger der geschichtlichen Zeitwenden fungieren. Das Leuchtpigment, das mit Neonlicht oder nächtlicher Einsamkeit inmitten des bedrohlichen urbanen Raums assoziierbar ist, ruft in der Installation das Phänomen einer deslokalisierten Wahrnehmung hervor.

Die hyperdimensionalen, fast drei Meter hohen Figuren der Künstlerin kommen auch ohne herkömmliche Masse in ihrer Physis zur Geltung. Sie sind innen leer und bloß mit linearen Umrissen angedeutet und werden damit nicht ausschließlich durch „bildhauerische” Mittel definiert. Die stilisierenden Gestalten zeigen sich nahezu halluzinatorisch, und die Energie, die sie mithilfe einer phosphoreszierenden Oberfläche, mit der sie bedeckt sind, ausstrahlen, verwandelt ihre volumenlosen Körper flüchtig ins Licht. Das gewonnene Licht strahlt in der Dunkelheit der Realumgebung und macht die Motive zwar sichtbar, beraubt sie aber ihrer „tatsächlichen Präsenz” (Paul Virilio), d.h. ihrer  materiellen Evidenz, zugunsten eines audiovisuellen Gestaltens. Die Skulpturen begleitet auch ein  „Surren der Stimmen aus dem All”. Die Werke wirken, durch ihre Fernerscheinung und in ihrer buchstäblichen Unsagbarkeit geisterhaft. Die Männerkürzel(MM), die auch eine miteinander korrespondierende Gruppe bilden könnten, vergleicht die Künstlerin mit begehbaren Piktogrammen im urbanen Raum. Ihrer lässigen Haltung des Abwartens und ihrer Teilnahmslosigkeit haftet eine gewisse abstrakte Selbstzweckhaftigkeit an, ein mysteriöser Rest. Sind die in die Länge gezogenen “Lichtfiguren” Opfer des Informationszeitalters oder sogar seine angeblichen Macher? Als Kontrasterfahrung oder mitunter eine Kettenreaktion zur  telepräsenten atmosphärischen Szenerie wird auf einem Screen ein Video projiziert, das das langsame Versinken einer Männerfigur im öffentlichen Raum, gespielt von dem Projektteilnehmer, dem Kunststudenten Nestor KO., zeigt. Er bewegt sich wie in Trance, indem die Grenzen zwischen internen und externen Stufen durchbrochen werden. Es ist die gleiche Gestalt, wie die im Raum herum stehenden Skulpturen.

Stellen diese in ihrem Bild des Versunkenseins eine entfernte Nachstellung oder das Echo einer religiösen Szene dar? – Reflektieren sie das heutige Leiden der Mitmenschen, insbesondere der jungen Generation, die ihre Aussichten auf Zukunft in der Ära der massenhaften Arbeitslosigkeit als düster und trostlos betrachtet?

Ein paar Jahre vor Virilios Publikation „Information und Apokalypse”, die auf deutsch nach der New Yorker Tragödie von 11. September 2001 publiziert wurde, stellte der Philosoph Jacques Derrida, in dem Buch „Die Religion” 5 die Frage, wie kann man die zweite Quelle im Wissens-Glaubens-Bündnis –  die heute oft zitierte „Rückkehr der Religion” im Hinblick auf all die Kräfte des Abstrakten, wie „Entwurzelung, Entortung, Entkörperlichung, allgemeine Schematisierung, Telekommunikation”, kritisch deuten kann. In der Annahme, dass Licht mit einem Ort, einem Ereignis verbunden sei, z.B. das Licht des Orients, schlägt Derrida vor, die Grundlagen der westlichen Geisteswissenschaft (auch Kunstwissenschaft) wie Aufklärung, Lumierés, Enlightment mit der Orientierungshilfe dreier Orte  – der Insel, des Gelobten Landes und der Wüste, neu zu formulieren. Sie sind die aporetische Orte, ohne sicheren Weg oder Ausweg, ohne Ankunft und Horizont. Flucht-Orte, die vielleicht noch Frucht-Orte werden können. So wie die Religion im Laufe der Zeit ein Teil des Wissens wurde. 
Goschka Gawlik

1 Paul Virilio, Information und Apokalypse, Die Strategie der Täuschung, München Wien, 2000, S.107
2 Jörg Herrmann, Wir sind Bildhauer gleich, in: Die Gegenwart der Kunst, Ästhetische und
religiöse Erfahrung heute, Jörg Herrmann (Hg), München 1998, S. 90
3 Ibidem. S.89
4 Jean-Christophe Ammann, Anmerkungen zu den Zeichnungsinstallationen von Richard Serra, in: Richard Serra, Münster, S. 72
5 Jacques Derrida, Glaube und Wissen, in: Die Religion, Jacques Derrida, Gianni Vattimo, Frankfurt am Main, 2001, S. 16-17.

——————————————————————————————————————PRESENCE OF THE SCULPTURE / SCULPTURAL PRESENT the artist MarianneMaderna

In his critical paper: “Information andApocalypse” with the sub-title “ Die Strategien der Täuschung” (“The Strategies of Deception”)which was written after the Kosovo war, Paul Virilio, the philosopher and inventor of the aesthetics of disappearing, writes about the fatal possibilities of the information technology in an era of globalization and the exchange of goods, in which reality escapes into interconnected computers, and  “political power is assigned to the one who rules over these nets”. The consequences of this development, as determined by Virilio, are for example the militarization of the sciences, whose actual philosophical basics, like the “truth”, have been misplaced. Speaking of the relationship between digitalisation, power and media, he notices that “after mass and energy the dimension of the information enters the stage of reality, so that by means of remote supervision, as well as environmental control, the material presence of things and places doubles itself”. 1

The information age thereby becomes an expression of the end of geopolitics and not history. Therefore, as a medium for the virtualisation of the reality, a large trans-

horizontal cybernetic optic appears, which endlessly increases the number of the points of view and, on the basis of this remote action, also contributes to  the virtualisation and compression  of activity between people.

During the multilevel perspective adjustment of her installation ONE TO, the artist Marianne Maderna extended her project with assistance of a performance. Thus several perceived windows of the exhibition space were dovetailed and “deep sharpness” and / or a “stereo reality” (P. Virilio) of an artistic world without visible horizons was introduced, in which real and virtual forms interacted to create a kind of interlaced relief. …..

…..Maderna´s newest sculptures are likewise formed out of steel tubes bent by hand and painted with automobile paints. Her rapid change to a

new material, luminous paint, signifies the next phase of a post-industrial universe and the damages caused by this progress. Concrete, iron, glass and black light are the materials introduced by the modernism into the arts as intact carriers of the historical change. The luminous paint, which can be associated with neon light or nocturnal isolation in the midst of a threatening urban area, give rise to the phenomenon of dislocated perception in the installation.

The artist’s hyper-dimensional, nearly three meter high figures become effective even without conventional mass in their physical form. Inside they are empty and signified only with linear outlines and therefore become effective not only by exclusively “sculptural” means. They show themselves in a hallucinatory way and the energy they give out with the aid of their phosphorescent surfaces transforms their volumeless bodies fleetingly into light.

The light emanated radiates in the darkness of the material environment and makes the motives visible but also robs them of their “actual presence” (Paul Virilio): this means their material evidence is subordinated to an audiovisual arrangement. The sculptures are also accompanied by “sirens of the voices from the universe”. The works appear, by reason of their literally unexplainable ineffability, far off and ghostly.

The artist compares the abbreviations of  males, which could also form a corresponding group with one another, with the accessible pictograms of the urban area. A certain abstract end-in-itself adheres to their relaxed posture of waiting and their indifference as a mysterious rest.

Are the attenuated “light figures” victims of the information age or even its alleged perpetrators? As a contrasting experience or even as a chain reaction to the tele-present atmospheric scenery, a video projection can be seen on a screen, showing the slow sliding figure of a man in a public area, which is played by one of the project participants the art student NestorKO. He moves as if in a trance and trespasses borders between internal and external stages. It is the same shape as the other sculptures located in the same area? Do these represent in their absorption a distant adjustment or the echo of a religious scene? – Do they reflect today’s suffering of fellow men, in particular of the younger  generation, which regards its future chance in the area of massive unemployment as dark and disconsolate?

A few years before Virilio´s publication “Information and Apocalypse”, which was published in German after the New York tragedy of 11th September 2001, the philosopher Jacques Derrida, asked in his book “The Religion” 5: how  can one critically interpret the second source of the knowledge-faith-alliance, even in today’s oft cited “return of religion”, regarding all the forces of the abstract, like “uprooted, unplaced, bodiless, general schematize, telecommunications” etc.  In the acceptance that light is connected with a place, or an event, i.e., the light of the Orient, Derrida proposed to reformulate the bases of the western human sciences (also the arts) like the reconnaissance, Lumierés, enlightenment with the guideline assistance of three places – the island, the chosen land and the desert. These are the aporetic places, without safe paths or ways out, without arrival and horizon. Places to escape to, which perhaps will become fruitful places. Just as religion, in the course of time, will become a part of knowledge. Goschka Gawlik

1 Paul Virilio, Information und Apokalypse, Die Strategie der Täuschung, München Wien, 2000, S.107
2 Jörg Herrmann, Wir sind Bildhauer gleich, in: Die Gegenwart der Kunst, Ästhetische und
religiöse Erfahrung heute, Jörg Herrmann (Hg), München 1998, S. 90
3 Ibidem. S.89
4 Jean-Christophe Ammann, Anmerkungen zu den Zeichnungsinstallationen von Richard Serra, in: Richard Serra, Münster, S. 72
5 Jacques Derrida, Glaube und Wissen, in: Die Religion, Jacques Derrida, Gianni Vattimo, Frankfurt am Main, 2001, S. 16-17.