Das Erste Haus

DAS ERSTE HAUS. Architekturzentrum Wien | 22. Mai bis 16. Juli 1996

“Die Welt und das Leben sind Eins. Ich bin meine Welt”.
Ludwig Wittgenstein

Marianne Maderna bewegt sich in ihrer künstlerischen Arbeit im Spannungsfeld zwischen Architektur, Natur und Skulptur. Die Installation Das erste Hausist eine elementare Befragung der ursprünglichen Behausung des Menschen.

Die Frage nach der “Urhütte” ist in der europäischen Architekturtheorie seit dem 18. Jahrhundert immer wieder gestellt worden, von Claude Perrault, Viollet-le-Duc und Marc-Antoine Laugier bis hin zu Gottfried Semper und den neueren Studien von Joseph Rykwert.

In Madernas Installation führt eine Erdaufschüttung zu dem begehbaren Hausmodell. Die lichtdurchlässig bespannte Holzkonstruktion von zeichnerisch, konstruktiver Einfachheit ist die äußere Hülle eines Innenraums und Bildträger von anthropomorphen Körperfragmenten und Strukturen. Hier werden Urformen und neue Materialien als jene Grundlagen der Behausung angesprochen, die das Haus zu einer Metapher der Gegenüberstellung von Mensch und Landschaft machen.

Vier Wandobjekte – Hausfaltungen – beziehen sich auf Hausarchetypen unterschiedlicher Herkunft und Zeit. Seitlich geöffnet, an Papierfaltungen erinnernde Skulpturen, sind sie einzig von einem zentral auf sie gerichteten Blickwinkel als geschlossene Form erkennbar. Genauere Dimensionen werden nur scheinbar und als Vexierbild wahrgenommen.

Marianne Maderna vermeidet eine konturierte Abgrenzung von Dingen. Sie betont verzögerte Übergänge von einem Bild zum nächsten. Hier wird die Grenzenlosigkeit von Strukturen und die Fragwürdigkeit einer Abgrenzung äußerer Erscheinungen sichtbar. Alles ist durchlässig, und nichts ist abgeschlossen.

Otto Kapfinger / Architekt, Autor und Publizist

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